Need for Speed im Test: Zurück in den Untergrund!

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Need for Speed im Test: Zurück in den Untergrund!

Mit qualmenden Reifen durch Ventura Bay: „Need for Speed“ entführt euch in den Untergrund der illegalen Straßenrennen. Aber wie viel Trash verträgt die Hochglanzraserei?

„Need for Speed“ hat in seiner inzwischen 21-jährigen Geschichte schon viele Höhen und Tiefen durchlebt. Für echte Fans aber gehört „Underground“ (2003) zu den schönsten Erinnerungen an EA Games' PS-Saga. Die Mischung aus illegalen Straßenrennen, Drifts und Tuning machte damals den Reiz des Rennspiels aus.

Diesen „Underground“-Geist nimmt nun „Need for Speed“ auf Playstation 4 und Xbox One auf. Schauplatz der wilden Jagd ist die amerikanische Großstadt Ventura Bay, deren Straßen nachts von waghalsigen Piloten als Rennstrecken missbraucht werden. „Need for Speed“ erfordert dabei zwingend eine Internet-Verbindung und kombiniert Open-World-Gameplay mit spontanen Mehrspielerrennen und einer klamaukigen Geschichte.

TV-Trash wie auf RTL 2

Richtig gehört! „Need for Speed“ versucht, eine Story mit Live-Motion-Sequenzen und echten Schauspielern zu erzählen. Der Produktionsaufwand dabei ist groß, allerdings liegt das Ergebnis leider auf besserem Daily-Soap-Niveau. Gleich zu Beginn des Spiels macht euer namenloser und stummer Avatar Bekanntschaft mit dem quirligen Spike. Er führt euch in seine fünfköpfige Crew ein. Die Mitglieder frühstücken alle gängigen Racer-Klischees ab und decken dabei auch gleich die fünf Fahrstile – beispielsweise Crew, Drift oder Speed – ab.

Need for Speed - Bild 5

Natürlich geht es im neuen „Need for Speed“ weiterhin darum, der schnellste Raser der Stadt zu werden. Die Videosequenzen unterstützen zwar das Setting, wirken aber an vielen Stellen ungewollt komisch und arg überzeichnet. Wer mit TV-Trash klar kommt, wird „Need for Speed“ sicher ohne Folgeschäden überleben. Alle anderen hingegen werden sich zwischendurch beschämt abwenden.

Es hört nicht auf zu klingeln!

Viel nerviger als die Zwischensequenzen fällt allerdings die Kommunikation mit euren Kollegen innerhalb Ventura Bays aus. Denn nachdem euch das Spiel in die Weiten der nächtlichen Großstadt entlässt, klingelt pausenlos euer virtuelles Telefon. Nach jedem erledigten Event meldet sich einer eurer Kollegen zu Wort. Natürlich könntet ihr ihn wegdrücken, doch dann rufen die Nervsäcke einfach später wieder an.

Noch schlimmer: Beim Neustart des Spiels rollt „Need for Speed“ noch einmal die „wichtigsten“ Telefonate wieder auf. Nichts gegen Kommunikation mit den Protagonisten, aber manchmal genügt auch eine einfache SMS oder ein kurzer On-Screen-Hinweis auf neue Events auf der Karte. Was „Need for Speed“ anstellt, grenzt schon an Telefonterror.

Need for Speed - Bild 4

Aus Freude am Rasen

Aber kommen wir zu den schönen Seiten des Spiels: Im Grunde funktioniert der neue Ableger ganz ähnlich wie seine Open-World-Vorgänger. Mit Hilfe der Übersichtskarte legt ihr die Route zu immer neuen Events fest. Praktischerweise entscheidet ihr dabei selbst, ob ihr per Schnellreise ans Ziel gelangen oder doch lieber selbst fahren wollt.

„Need for Speed“ setzt den Fokus in seiner Spielmechanik auf gekonnte Drifts und den präzisen Einsatz des Nachbrenners. Diesen Twist baut das Team von EA Ghost gekonnt in das Missionsdesign ein. Zwar gibt es klassische Checkpunkt-Rennen und Rundkurse. Viel spannender spielen sich allerdings Drift- und die so genannten Touge-Events. Hier spielt die eigentliche Platzierung innerhalb des Fahrerfeldes keine Rolle. Stattdessen geht es einzig darum, möglichst viele Style-Punkte für das Driften zu erhalten.

Erfolge bescheren euch Credits und REP-Punkte. Mit Credits kauft ihr euch im Verlauf neue Autos und Bauteile. Allerdings benötigt ihr zunächst REP (kurz für Reputation), um in eurem Erfahrungslevel aufzusteigen und neue Wagen und Teile freizuschalten. Auf diese Weise entwickelt sich ein motivierender Kreislauf aus dem Absolvieren von Events und dem Freischalten von immer mehr Inhalten.

Need for Speed - Bild 3

PS-Monster Marke Eigenbau

„Need for Speed“ besitzt einen riesigen Fuhrpark – vom Subaru Impreza bis zum Ferrari F40. Noch spannender sind allerdings die Tuning-Optionen. Im Leistungsbereich montiert ihr neue Bauteile in 21 Kategorien wie der Kupplung, dem Nitrosystem oder dem Fahrwerk. Die Auswirkungen eurer Taten seht ihr anhand farbiger Pfeile, die schnell darüber aufklären, wie effektiv euer Tuning war.

Am besten gefiel uns aber das Handling-Abstimmung. Hier verstellt ihr den Reifendruck, das Differenzial oder den Lenkeinschlag. Wichtig: Schaltet hier auch unbedingt den standardmäßig aktivierten Driftstabilitäts-Assistenten aus. Dadurch bekommt ihr ein besseres Gefühl für euer Fahrzeug und perfektioniert eure Drifts nach einer kurzen Eingewöhnungsphase.

Wer seinem Boliden noch einen persönlichen Anstrich verpassen will, der kann dies mit Hilfe von Farben und Folien tun. Diese Kosmetikoptionen sind ausgesprochen handlich und ermöglichen auch mit wenig Zeit schöne Ergebnisse. Insgesamt ist der Schrauberbereich von „Need for Speed“ sehr umfangreich und überaus gelungen.

Need for Speed - Bild 1

Das Glück liegt auf der Straße

Seine Stärken spielt „Need for Speed“ eindeutig als Rennspiel und weniger als PS-Märchen aus. Die Präsentation stimmt: Ventura Bay kratzt dank der Frostbite Engine und ihren genialen Lichteffekten fast am Fotorealismus. Derart hübsch hat bislang kaum ein Rennspiel seine nächtlichen Stadtkurse dargestellt.

Das Fahrgefühl ist ebenfalls ordentlich. Gerade die Drift-Events machen mächtig Laune und Heckantriebler fühlen sich beim Umkurven einer Biege angenehm schwer an. Allerdings vermissen wir eine Cockpit-Ansicht, da diese den Streetstyle von „Need for Speed“ sicherlich besser unterstrichen hätte als die Verfolgerkamera.

Enttäuschend fällt leider das Verhalten sämtlicher Computer-Widersacher im Spiel aus. Polizisten glänzen zumeist mit Abwesenheit und agieren viel zu brav. Renngegner bedienen sich unnatürlicher Hilfen und werden wieder einmal mit dem Gummiband über die Strecke geschossen. Besonders auf Geraden nehmen sie enorm an Tempo auf, dadurch ist es unmöglich ein Rennen klar zu gewinnen – egal, wie fehlerfrei man auch fährt.

Drifts in einer leeren Stadt

So gut der aktuelle Ableger das „Underground“-Feeling aber auch rüber bringt, so mangelt es Ventura Bay doch an Leben. Die Straßen sind – speziell für eine Großstadt – zu leer, Fußgänger und Party-Volk gibt es auch nicht. Man bekommt fast den Eindruck einer Arbeitermetropole, in der alle Menschen bereits nach der Tagesschau schlafen gehen. Dabei soll die Stadt doch der „Hotspot“ für PS-Freaks sein.

Diese Leblosigkeit spiegelt sich leider auch in den Nebenaufgaben wieder. Diese sind nämlich enorm einfallslos und laden nicht gerade zu Erkundungstouren ein. Beispielsweise sucht ihr ein Dutzend versteckte Bauteile und müsst an Schlüsselpunkten Donuts drehen. Sorry, aber kreativ geht anders!

Need for Speed - Bild 2

Meinung

„Need for Speed“ wird seinem Potential nicht gerecht! Für Möchtegern-Schrauber und Drift-Könige bietet das Rennspiel allerdings viel: Die Fahrphysik ist insgesamt ordentlich. Das Driften macht gerade in den Spezial-Events richtig Spaß und ist dabei auch noch gut kontrollierbar. Der Tuning-Part gefällt uns ebenfalls ausgezeichnet. Die Möglichkeiten zum Umbauen und Individualisieren des eigenen Fuhrparks sind sehr umfangreich und gönnen Bastlern viele Freiheiten.

Was eine „Underground“-Wiedergeburt hätte sein können, bekommt aber letztlich durch eine schlampige Umsetzung derbe Dellen. Die Gummiband-KI nervt und kostet zu häufig Siege. Die geniale Optik erkauft sich „Need for Speed“ mit einer leblosen Stadt, gefüllt mit langweiligen Nebenjobs. Und von den trashigen Filmsequenzen wollen wir er gar nicht anfangen.

Genau deshalb wird „Need for Speed“ auch polarisieren: Die einen werden das vielschichtige Drift-Gameplay feiern. Die anderen die Proleten-Story und die inkonsequente Umsetzung verfluchen. Ein Kult-Hit wie „Underground“ ist die Neuinterpretation daher nicht, aber allemal ein netter Tempowechsel innerhalb der „Need for Speed“-Geschichte.

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