Rainbow Six Siege im Test: Spannende Shooter-Strategie oder müde Multiplayer-Ballermann?

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Rainbow Six Siege im Test: Spannende Shooter-Strategie oder müde Multiplayer-Ballermann?

Bomben entschärfen, Geiseln befreien und Terroristen jagen: Ubisoft „Counter-Strike“-Neuinterpretation bietet saftige Mehrspieler-Strategie, patzt aber in Sachen Spielumfang.

Als das erste „Tom Clancy’s Rainbow Six“ 1998 erschien, schlug das Spiel wie eine Bombe ein. Nie zuvor gab es eine derart anspruchsvolle Mischung aus Ego-Shooter und Militär-Strategie. Nur das minutiöse Planen der eigenen Aktionen führte hier zum Erfolg und letztlich machte genau dieser Anspruch den Reiz aus.

Doch mit der Zeit verselbstständigte sich die „Rainbow Six“-Serie und legte immer mehr Wert auf Action. Spätestens mit dem spaßigen „Rainbow Six: Vegas 2“ erreichte die Serie allerdings ihren Tiefpunkt. Erst sieben Jahre später gräbt Ubisoft die Lizenz wieder aus und versucht mit „Rainbow Six: Siege“ in die Fußstapfen des eSport-Pioniers „Counter-Strike“ zu treten.

Kurzeinsatz für Einzelspieler

Ähnlich wie schon „Star Wars: Battlefront“ richtet sich auch „Siege“ in erster Linie an Freunde des gepflegten Multiplayer-Vergnügens. Für Einzelspieler gibt es lediglich die so genannten Situationen. Dabei handelt es sich um Einzeleinsätze, die euch auf die grundlegenden Spielmodi und Soldatenklassen vorbereiten.

Rainbow Six Siege - Bild 1

Jede der zehn Missionen besitzt drei Zusatzaufgaben, durch die ihr Extra-Renown – die Währung in „Siege“ – erhaltet. Die Situationen erweisen sich im Test als angenehm knackig. Schließlich seid ihr hier ausschließlich alleine unterwegs und habt damit keine Rückendeckung von euren Kameraden.

Diese Einzelmissionen geben den Grundtenor von „Rainbow Six: Siege“ gut wider: Agiere bedacht, ansonsten ist der Spaß schnell vorbei. Abhängig vom gewählten Schwierigkeitsgrad genügt in Ubisofts Militär-Shooter nämlich schon ein Treffer für den Bildschirmtod. Im Falle der Situationen bedeutet das den Neustart des kompletten Einsatzes – egal, wie weit eure Mission schon fortgeschritten ist.

Letztlich sind die Situationen eine schöne Hinführung auf den Multiplayer, ersetzen aber eine Kampagne bei Weitem nicht.

Bösen Buben die Hölle heiß machen

Wer sich gerne mit Computer-Schurken anlegt, der wird bei der Terroristenjagd seine Freude haben. Hier nehmt ihr es gemeinsam mit fünf Freunden oder zufällig ausgewählten Spielern mit KI-Ganoven auf. Mal entschärft ihr eine Bombe am Hamburger Hafen, mal befreit ihr eine Geisel aus einem Flugzeug in Heathrow.

Der Reiz bei der Terroristenjagd liegt sicherlich im Interagieren mit den Mitspielern. Zwar könnt ihr den Modus auch als „Einsamer Wolf“ angehen, doch so richtig Freude kommt erst im Koop auf. Das gemeinsame Koordinieren von Attacken und das Abwehren der immer wieder heranrollenden Gegnerwellen haben dabei ihren Reiz.

Die Gegner-KI schwankt aber zwischen Genie und Wahnsinn. In den besten Momenten überraschen einen die Schurken und attackieren beispielsweise von gleich mehreren Seiten oder gar aus höher gelegenen Dachfenstern. Allerdings kommt es auch immer wieder vor, dass die Bösewichte zu spät reagieren oder unvorsichtig einen Raum stürmen. Besonders beliebt ist auch der sinnfreie Einsatz von Schrotflinten auf große Distanz.

Rainbow Six Siege - Bild 2

Alles in allem eignet sich die Terroristenjagd gut für zwischendurch und zum Aufleveln des eigenen Profils. Denn das Spiel spendiert reichlich Erfahrungspunkte für erfolgreiche Runden. Allerdings hätte Ubisoft weitaus mehr aus dem Koop-Modus machen können und hätte diesen etwa durch Story-Bruchstücke verbinden können.

Eine Hommage an „Counter-Strike“

Das eigentliche Fleisch von „Rainbow Six: Siege“ ist allerdings der kompetitive Mehrspieler-Modus. Hier legen sich stets zwei Fünfer-Teams in mehreren Runden miteinander an. Dabei wechselt die Rolle der Angreifer und der Verteidiger nach jedem Match. Das bedeutet: In einer Partie müsst ihr etwa eine Bombe finden und entschärfen. In der nächsten verteidigt ihr den Sprengsatz, verbarrikadiert euren Unterschlupf und legt Fallen, bevor die Angreifer kommen.

Runden starten klassisch mit einer kurzen Phase des Erkundens bzw. der Vorbereitung. Angreifer schicken dann ihre Drohnen aus und gehen auf die Suche nach Geiseln oder Bomben. Die Ganoven wiederum verbauen kugelsichere Wände oder verschließen Türen und Fenster mit Barrikaden.

Die eigentlichen Partien verlaufen meist kurz und knackig. Dadurch, dass die Soldaten nur vergleichsweise wenig Schaden aushalten, beschränken sich die Schießereien auf flotte Stellungskämpfe oder fiese Überraschungsattacken. Ähnlich wie in „Counter-Strike“ kommt es auch hier darauf an, die Umgebung möglichst geschickt als Schutzschild einzusetzen.

Zum Minimieren der Angriffsfläche könnt ihr beispielsweise hinter Ecken hervor lehnen oder euch auf den Boden legen. Kisten, Barrikaden oder Wände sind allerdings nicht unkaputtbar. „Rainbow Six: Siege“ baut einige Unwägbarkeiten ein und erlaubt die Zerstörung vieler Objekte. Auf diese Weise schafft ihr beispielsweise Schießscharten im Bombenraum oder durchsiebt Ganoven auch durch eine Bretterwand.

Rainbow Six Siege - Bild 3

Diese eindrucksvolle Physik erkauft sich „Rainbow Six: Siege“ allerdings auch durch vergleichsweise triste und unspektakuläre Grafik. Ein echtes Highend-Spiel ist Ubisofts Multiplayer-Shooter leider nicht.

Die Spezialisten unterwegs

„Rainbow Six: Siege“ spielt sich während all dieser Zeit wie ein typischer „Counter-Strike“-Klon: schnell, handlich und intensiv. Wer allzu arglos attackiert, wird schnell umgenietet. Deshalb ist das Teamwork selbst mit zufälligen Partnern unabdingbar. Hier kommt „Siege“ das solide Spieldesign zu Gute. Angreifer müssen auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten, während Verteidiger die Stellung halten müssen. Durch diese strikte Einteilung entsteht automatisch so etwas wie Zusammenhalt.

Grundvoraussetzung für den Erfolg sind die verschiedenen Operator. Diese Spezialisten ersetzen in „Siege“ die traditionellen Soldatenklassen und legen Ausrüstung und Fähigkeiten fest. Insgesamt gibt es zwanzig Operator verteilt über fünf Einsatzkommandos.

Sledge beispielsweise trägt zwar neben einem L85A2 Sturmgewehr und einer P226 „nur“ eine Splittergranate mit sich, schwingt dafür aber einen Vorschlaghammer und kann damit Wände einreißen. Andere Charaktere setzen dagegen auf Hightech: IQ etwa benutzt einen Elektronik-Detektor, um Feinde und Fallen auch durch Wände aufzuspüren. Im Test hatten wir das Gefühl, dass keine der Charaktere übermäßig dominant war. Meist kam es nämlich weniger auf die Ausrüstung, als vielmehr auf schnelle Reaktionen und gutes Zielen an. Immerhin: Zu Server-Problemen kam es – im Gegensatz zur Beta – nicht. Im Test hatten wir keinen Verbindungsabbruch zu beklagen und das Spiel lief über die gesamte Zeit flüssig.

Rainbow Six Siege - Bild 4

Micro-Transactions und Spielumfang

Zum Freischalten der Operator benötigt ihr die Ingame-Währung Renown. Diese erhaltet ihr für erfolgreiche Aktionen im Spiel. Die ebenfalls integrierte Premium-Währung R6-Credits benötigt ihr lediglich für neue Waffen-Skins oder XP-Boosts. Bedeutet: Im Grunde kann sich niemand den Erfolg mit Echtgeldeinsatz erkaufen, sondern muss sich diesen wie alle anderen auch erspielen.

Allerdings muss man „Rainbow Six: Siege“ vorwerfen, dass es – ähnlich wie „Star Wars Battlefront“ – insgesamt einfach zu wenig Spiel bietet. „Call of Duty: Black Ops 3“ ist für das gleiches Geld weitaus umfangreicher. Auch fehlt es „Siege“ auf Dauer an Abwechslung und freischaltbaren Objekten. So stimmig die Karten auch aufgebaut sind, so verlaufen die Runden doch insgesamt zu ähnlich.

Meinung

Ein neues „Counter-Strike“ hat Ubisoft mit „Rainbow Six: Siege“ leider nicht entwickelt, wohl aber eine stimmige Neuinterpretation des Klassikers. Speziell die Mehrspielerpartien liefern Spannung bis zum letzten Kill und sind dank gelungenem Karten-Layout und starker Einheiten-Balance in sich stimmig. Gerade im Team mit Freunden entwickelt man schnell einen gewissen Ehrgeiz und will die Gegner mit einer möglichst präzise geplanten Strategie aushebeln. Wer „Counter-Strike“ seiner Zeit mochte, wird in „Siege“ daher eine neue Heimat finden.

Allerdings muss sich Ubisoft auch Kritik gefallen lassen: Einzelspieler stehen hier sprichwörtlich im Regen und haben bis auf die Situationen keine Aufgaben. Der Koop-Modus verschenkt enorm viel Potenzial und eignet sich in seiner jetzigen Form „nur“ für die launige Ballerei zwischendurch. Die Motivation hängt einzig mit dem Aufleveln und dem Kaufen neuer Operator zusammen. Zu wenig, wie wir denken! Andere Shooter bieten deutlich mehr Spiel fürs Geld. Genau deshalb sei „Siege“ auch wirklich nur jenen empfohlen, die entweder in einem Clan möchten oder ohnehin bevorzugt online zocken.

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