Unravel: EAs knuffiger Puzzler im Test

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Unravel: EAs knuffiger Puzzler im Test

Ein kleiner Held aus Garn erobert die Welt: Doch sind Yarnys Abenteuer in „Unravel“ auch spielerisch der Hit? Wir verraten es uns in unserem Test.

Wer braucht schon „Need for Speed“ oder „Star Wars: Battlefront“? Auf der E3 2015 stahlen ein sichtlich nervöser Martin Sahlin, Creative Director beim schwedischen Entwicklerstudio Coldwood, und „Unravel“ den großen Namen die Show. Der nur von 14 Leuten entwickelte Indie-Plattformer eroberte in Windeseile die Herzen der Massen. Und das nicht zuletzt wegen des liebenswerten Garnhelden Yarny.

Gut neun Monate später ist „Unravel“ endlich fertig und es ist genau das, was sich alle davon erhofft haben: Ein emotionales Abenteuer, das sich gegen den Mainstream stellt. „Unravel“ ist nach „The Witness“ bereits das zweite Spiel binnen weniger Wochen, das unsere und sicher auch eure Herzen berühren wird.

Spiel der leisen Töne

Entsprechend melancholisch beginnt „Unravel“ auch: Ihr beobachtet eine alte Dame, wie sie schwermütig in ihren Fotoalben blättert. Offenbar versucht sie, sich die Erinnerungen zurück in das Gedächtnis zu rufen. Doch es gelingt ihr nicht. Traurig steigt sie die Treppen hinauf und genau in diesem Moment kullert ein rotes Wollknäuel die Stufen herunter. Das ist die Geburtsstunde von Yarny.

Unravel - Bild 5

Der kleine, rote Garnheld mit den großen weißen Augen untersucht nun die Wohnung und entdeckt dabei insgesamt elf Bilder. Mit ihnen reist er in die Vergangenheit und erweckt das Geschehene zu neuem Leben. „Unravel“ verzichtet vollkommen auf Sprachausgabe. Stattdessen erzählt es seine Geschichten ausschließlich durch Bilder und über die Gestik seines Hauptcharakters.

Der Puzzle-Plattformer erzeugt über die gesamte Spielzeit von sechs bis acht Stunden ein Gefühl der seichten Traurigkeit. Coldwood greifen starke Motive wie Einsamkeit und Verlust auf und schaffen so ein gleichermaßen bezauberndes wie emotional anrührendes Spielerlebnis.

Knoten im Kopf

Yarny fungiert in „Unravel“ sprichwörtlich als roter Faden. Es ist eure Aufgabe, ihn durch die 12 Level zu führen, ohne dass ihm dabei das Garn ausgeht. Denn mit jedem Schritt spult der rote Fadenteufel ein wenig Material seines hageren Körpers ab. Dieser Substanzverlust zeigt sich auch wundervoll in seinen Bewegungen: Ein „voller“ Yarny bewegt sich flink und agil. Ein ausgezehrter Held dagegen schleppt sich mühevoll über die Strecke und wirkt elendig schwach.

Unravel - Bild 4

In seinem Herzen ist „Unravel“ ein Puzzle-Plattformer. Ihr müsst Yarnys Garn-Fähigkeiten zum Überwinden von Hindernissen benutzen. Zu diesem Zweck interagiert ihr mit bestimmten Schlüsselpunkten, an denen die knuffige Spielfigur beispielsweise auf Tastendruck ein Garntrampolin spannen oder sich entlang schwingen kann. Dabei führen die Level neue Spielelemente Stück für Stück ein und überfordern dadurch nicht. Häufig basieren sie auf den gut ausbalancierten Physik-Effekten und sind dadurch nachvollziehbar. Beispielsweise bastelt ihr mit Hilfe von Yarnys Garn und einer runden Plattform eine Art Flaschenzug, mit dessen Kraftübertragung ihr ein Tor in einen neuen Bereich öffnet.

Puzzler mit Ecken und Kanten

Der Spielfluss ist angenehm schnell. Selten bleibt ihr länger als ein paar Minuten an einer Aufgabe hängen. Allerdings hätte die Steuerung eine Spur direkter ausfallen dürfen. Gerade die wenigen, flotten Sprungpassagen leiden unter einer leichten Verzögerung. Zugleich bremste uns das Rätseldesign mit all seinen Knoten und der Limitierung durch die Garnlänge gelegentlich aus. Immer wieder findet ihr erst durch Ausprobieren die richtige Kombination heraus oder müsst gar Teile eurer Schnur-Konstruktionen einreißen, ehe ihr den Weg fortführen könnt.

Unravel - Bild 3

Das Speicherpunktsystem ist leider nicht perfekt. Zwar könnt ihr euch durch das Halten der Unten-Taste des Controllers an den letzten Checkpoint zurücksetzen lassen, doch manchmal reicht das nicht aus. So zwingt euch „Unravel“ im Zweifelsfall dazu, unnötige Wege in Kauf zu nehmen. Solche Haken finden sich zum Glück sehr selten, können aber mitunter nerven. Insgesamt aber ist „Unravel“ fordernde Puzzle-Kost, bei der man immer wieder mit seinem kleinen Schützling mitleidet.

Wunderschöne Spielwelt

Yarny wächst einem binnen weniger Minuten ans Herz. Die Ursache liegt zweifellos in der unglaublich stimmigen und enorm hübschen Präsentation des Spiels. Yarny steht im Mittelpunkt und so sind all seine Bewegungen sehr präsent. Gerade wenn der Garnheld in Schwierigkeiten gerät, leidet man förmlich mit. Schnell werden garstige Strandkrabben zum neuen Erzfeind und hohe Plattformen zum Mount Everest, den Yarny wie ein Bergsteiger hinabklettert.

Unravel - Bild 1

Die Detailtiefe, mit der das kleine Entwicklerstudio Coldwood seine Spielwelt zeichnet, ist beeindruckend und besticht durch unzählige Facetten und ungemein liebevolle Kleinigkeiten. Viel Action wird in „Unravel“ nicht geboten, aber dennoch sind die wenigen lauten Momente echte Aufreger: Etwa wenn plötzlich eine Möwe laut krächzend über Yarnys Kopf hinweg saust oder ein Auto über ihn hinweg donnert. In „Unravel“ werden ganz normale, sonst harmlose Dinge zur Bedrohung.

Meinung

„Unravel“ ist eines dieser Spiele, das kein klassisches Wertungssystem gerecht erfassen kann. Verglichen mit anderen Puzzle-Plattformern ist es sicherlich guter Durchschnitt. Mehr allerdings auch nicht. Die Steuerung ist teils etwas zu unpräzise und die Rätsel laufen zu oft auf das Ausprobieren verschiedener Kombinationen heraus. Doch glücklicherweise ist „Unravel“ mehr als die Summe seiner Features. Der sympathische Garnteufel, die sensationelle Präsentation und die melancholische Geschichte erzeugen eine Emotionalität, wie man sie dieser Tage leider viel zu selten erlebt. Ganz egal, ob ihr Yarny in den Tod schickt oder ob ihr Bilder der Vergangenheit aufdeckt – „Unravel“ geht ans Herz und das manchmal bis zur Schmerz- bzw. zur Tränengrenze. Der kleine Wollkasper ist eine liebenswerte Identifikationsfigur und erzählt ohne Worte eine Geschichte, in der sich jeder wiederfinden wird. Genau deshalb ist die schwedische Indie-Produktion ein ganz besonderes Spiel, das sich niemand entgehen lassen sollte.

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