Mass Effect Andromeda im Test: Aufbruch zu den Sternen oder Bruchlandung?

Autor: Olaf Bleich

20. März 2017 um 11:31 Uhr: Bioware wagt den Neuanfang: „Mass Effect: Andromeda“ entführt euch in fremde Welten, lässt aber zuweilen die Emotionalität und Tiefe seiner Vorgänger vermissen. Warum Fans das neue Action-Rollenspiel dennoch ausprobieren können, verraten wir im Test!

Im Jahr 2012 endete die erste Trilogie der „Mass Effect“-Saga. Das große Finale um Commander Shepard sorgte seiner Zeit für reichlich Diskussionsstoff und zwang Bioware letztlich zum Nachliefern eines neuen Endes. Die „Mass Effect“-Community ist leidenschaftlich wie kaum eine andere und so wundert es nicht, dass bereits im Vorfeld der Veröffentlichung von „Mass Effect: Andromeda“ ein Sturm der Entrüstung ob der hässlichen Gesichtsanimationen ausbrach. Nun stellt sich die Gretchenfrage: Waren die Pfannkuchenfratzen ein böser Vorbote auf das schwächste „Mass Effect“ aller Zeiten?

Biowares Planetenreisen

Der Start in die „Andromeda“-Galaxie ist allerdings holprig. Im Charaktereditor baut ihr lediglich vorgefertigte Visagen um. Diese Gesichter wirken unnatürlich und steif. Ja, gerade in den ersten Stunden stellt diese Schwäche ein massives Problem dar. Unser Tipp: Bleibt bei den Standard-Gesichtern für Scott und Sarah Ryder. Sie sehen unserer Ansicht nach immer noch am besten aus.

Ganz gleich, ob ihr Männlein oder Weiblein auswählt, ihr landet mit Ryder auf dem goldenen Planeten Habitat 7 und sollt dort im Idealfall ein neues Zuhause für tausende von Kolonisten finden. Angeführt von Pathfinder Alec Ryder macht ihr außerdem Bekanntschaft mit der Alien-Spezies Kett. Sie fungiert im Spielverlauf als perfektes Feindbild und ist auf der Suche nach uralten Remnant-Relikten.

Nach dem Epilog übernimmt euer Ryder dann die Führung und wird zum Pathfinder ernannt. Dadurch erhaltet ihr Zugriff auf die Computer-KI SAM, die euch künftig mit Rat und Tat zur Seite steht. Ihr Wissen macht Ryder zu einer Art Superheld. Genau dieser Sprung vom Anfänger zum überlegenen Commander erfolgt in „Mass Effect: Andromeda“ arg schnell. Zudem wirken die ersten Stunden überfrachtet, sodass der Charakteraufbau unter die Räder kommt.

Speziell Crew-Mitglieder wie Cora oder Liam wirken zunächst blass. Immerhin feiern die Romanzen und die Loyalitätsmissionen ein Comeback, was zumindest im weiteren Verlauf für mehr emotionale Tiefe sorgt. Ryder selbst mäandert – trotz vier statt früher zwei Dialogoptionen – gerade in den ersten Stunden zwischen arrogant und kindlich naiv. Später kämpft er mit der Bürde des Pathfinders, was allerdings auch nicht ausreichend thematisiert wird.

Das Universum gehört euch

Der größte Unterschied zu früheren „Mass Effect“-Teilen stellt sicherlich die Größe des Spiels dar. In „Andromeda“ erforscht ihr Planeten und auch wenn das Action-RPG keine traditionelle Open-World bietet, so gibt es doch mehr als ausreichend Inhalt. Schließlich sucht ihr nach einer neuen Heimat für die Menschheit und müsst dafür Planet zunächst einmal bewohnbar machen.

Während die Gesichter und die Charaktermodelle in „Mass Effect: Andromeda“ gerade bei menschlichen Figuren enttäuschen, so ist die Umgebungsgrafik erstklassig. Die insgesamt sieben goldenen Planeten sehen fantastisch aus und bieten stets einen anderen Look. Eos erinnert an einen Wüstenplaneten, später bereist ihr dichte, außerirdische Wälder und sogar Eissterne. Die wichtigste Aufgabe besteht zunächst im Aktivieren der Monolithen. Diese uralten Remnant-Bauten entziehen dem Planeten Giftstoffe und sorgen dafür, dass dort zumindest theoretisch Menschen leben könnten.

Für den Feinschliff erledigt ihr Neben- oder auch bestimmte Hauptaufgaben und bekämpft vor Ort beispielsweise Korruption, Kriminalität oder Drogenhandel. Die Erkundung der offenen Außenbereiche erfolgt im Nomad-Buggy, der sich im Gegensatz zum ersten „Mass Effect“ deutlich besser steuert. Praktisch: Dank Ressourcen-Scanner werft ihr unterwegs Bohrsonden ab und erhaltet so Rohstoffe dazu. Diese klaubt ihr aber auch beim Erkunden der Areale auf, findet Bauteile in Behältern oder aus den Überresten erledigter Feinde.

Mit Hilfe des Scannen sammelt ihr zudem Forschungspunkte in den drei Kategorien Milchstraße, Heleus und Remnant. Habt ihr ausreichend viele eingesackt, erforscht ihr an Bord der Tempest erst neue Waffen, Rüstungen und Mods, ehe ihr sie dann auch mit Hilfe von Rohstoffen baut. In „Mass Effect: Andromeda“ greifen viele Spielelemente sehr gut ineinander. Allerdings überlagern diese neuen Open-World-Elemente auch oftmals die Geschichte und die Charaktere selbst.

Mehr Freiheiten, mehr Probleme?

Ähnlich wie die Normandy dient die Tempest diesmal als zentraler Rückzugsort. Hier plaudert ihr mit der Crew und reist von einem Stern zum nächsten. Bioware integriert hier auch den Online-Modus und lässt euch entweder selbst in Vierer-PvE-Schlachten ziehen oder Einsatzteams aussenden. Der Multiplayer selbst erweist sich mit seinen Wellenangriffen und wechselnden Missionszielen als ordentlich, ist aber letztlich kein Kaufgrund für „Mass Effect: Andromeda“. Ebenfalls schön: Nachdem ihr Planeten gesichert habt, baut ihr dort Kolonien – wahlweise aus den Bereichen Handel, Militär oder Wissenschaft – auf und erhaltet dafür Boni.

Im Kern bleibt „Mass Effect: Andromeda“ aber weiterhin ein Third-Person-Shooter mit Computer-Unterstützung. Die Kameraden-KI ist erneut eine Baustelle. Zu oft standen uns die Helfer in Deckungskämpfen im Weg. Diese gefallen dank Jetpacks deutlich besser: Die Raketenrucksäcke katapultieren euch in die Luft und lassen euch sogar schweben. Dadurch sind die Kämpfe variantenreicher und bieten mehr Möglichkeiten. Ärgerlich: Das automatische Deckungssystem funktioniert längst nicht immer, was für unnötige Treffer sorgt.

Zu den üblichen Waffen – also Pistolen und MPs, Schrotflinten, Sturm- und Scharfschützengewehren – gesellen sich drei aktive Talente, die ihr über die Skill-Trees Kampf, Biotik und Tech auswählt. Das Rollenspielsystem verzichtet auf feste Klassen, belohnt eure freigeschalteten Talentpunkte aber mit Profilen, die euch ebenfalls Boni bescheren. Diese könnt ihr aber jederzeit wechseln und euren Helden entsprechend anpassen.

Meinung

Bioware möchte mit „Mass Effect: Andromeda“ in eine neue Zukunft seiner Action-Rollenspielserie aufbrechen. Doch diese Revolution gelingt nur teilweise. Technische Probleme und zweifelhafte Design-Entscheidungen sorgen für ein insgesamt sehr gutes, aber eben nicht herausragendes Spielerlebnis. „Mass Effect: Andromeda“ wirkt an vielen Stellen zwischen Innovation und Tradition zerrissen.

Die größeren, offenen Spielwelt laden zwar beispielsweise zum Erkunden und Sammeln ein, verwässern jedoch die Story und sorgen insgesamt dafür, dass manchmal auch Atmosphäre verloren geht. Alles in allem präsentiert sich „Mass Effect: Andromeda“ als ambitioniertes Science-Fiction-Epos, bei dem oftmals weniger mehr gewesen wäre. Aktuelle Spiele wie „Horizon: Zero Dawn“ oder auch „The Legend of Zelda: Breath of the Wild“ wirken im Vergleich fokussierter und zielgerichteter. Trotzdem bleibt Biowares neustes Werk für Fans durchaus spielenswert und liefert sehr ordentlichen RPG-Spaß für mehr als 60 Stunden.

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