Kingdom Come Deliverance: Der Test zum Mittelalter-Rollenspiel

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Kingdom Come Deliverance: Der Test zum Mittelalter-Rollenspiel

Ein echter Zeitfresser für Mittelalter-Fans: „Kingdom Come: Deliverance“ sorgt für eine gänzlich andere Rollenspiel-Erfahrung und punktet mit tollen Quests, eckt aber mit eigenwilligen Designentscheidungen an.

Noch vor Release sorgt „Kingdom Come: Deliverance“ kräftig für Furore: Erst als Kickstarter-Erfolg und in den letzten Monaten aufgrund der Außendarstellung von Studio-Chef Daniél Vavra. Wer den aktuellen Schlagzeilen folgt, der freut sich über zwei insgesamt 30 GigaByte große Day-One-Patches, die vor dem ersten Start des Rollenspiels heruntergeladen werden müssen.

Doch sind diese Hürden einmal überwunden, könnt ihr euch herrlich in das Mittelalter-Rollenspiel fallen lassen. Statt Drachen, Elfen und Orks gibt es im Böhmen des Jahres 1403 lediglich Ritter, Intrigen und arme Bauern. Ihr kontrolliert den Schmiedsohn Heinrich, der nicht nur den Tod seiner Eltern rächen sondern auch das Schwert seines Vaters zurück bringen muss.

Nimm dir Zeit!

„Kingdom Come: Deliverance“ ist kein Spiel für Hektiker. Es erfordert Einarbeitungszeit und auch eine gewisse Leidensfähigkeit. Im Gegensatz zu anderen mittelalterlich angehauchten Rollenspielen legt es viel Wert auf eine gewisse Authentizität. Heinrich beispielsweise bekommt mit der Zeit Hunger oder wird müde. Verbindet ihr blutende Verletzungen nicht, geht der Gute daran zu Grunde. Wäscht er sich nicht, stinkt er und das wiederum schmälert sein Ansehen bei Adeligen. Trägt er dagegen blutige Kleidung, flößt das Bauern Furcht ein.

Das Spiel entpuppt sich als deutlich weniger actionreich, als viele ob der zuvor veröffentlichten Bilder vermuten würden. Der Grund dafür ist einfach: Gewalt sollte stets die letzte Lösung sein. Gerade bei Schwertkämpfen genügen wenige Treffer und Heinrich zieht sich schwere Verletzungen zu oder segnet im schlimmsten Fall das Zeitliche. Dazu sind die Kämpfe auch wenig spaßig: Die Kameraführung aus der Ego-Perspektive ist extrem wackelig, der Auto-Fokus funktioniert nicht richtig. Durch die Verwendung verschiedener Richtungen und Tasten wirkt die Steuerung einfach überladen. Hier wollte Warhorse einfach zu viel Anspruch.

Gleiches gilt für das Speichersystem. Wollt ihr unterwegs einen neuen Spielstand anlegen, benötigt ihr einen Retterschnaps. Dieser ist für den armen Heinrich unerschwinglich. Im Klartext: Abspeichern verkommt im Spiel zum Luxus und das sorgt immer wieder für Frustmomente. Die einzigen Möglichkeiten zum Sichern des Spielfortschritts sind Besuche in Herbergen oder die teils merkwürdig gesetzten Autosave-Punkte. Nicht selten sorgen Überraschungen dafür, dass ihr die vergangenen 20 Minuten neu spielen müsst. Das sorgt für mächtig Ärger und eine gewisse Unsicherheit beim Spielen.

Spannend, aber sperrig

„Kingdom Come: Deliverance“ erweist sich somit als absolut untauglich für Anfänger und nutzt in den ersten Spielstunden jede Chance, um einem den Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Im Test etwa töteten uns die Wachen von Rattay, weil wir Nachts keine Fackel dabei hatten oder das Spiel warf uns nach einer Zwischensequenzen mitten in einen Kampf mit Banditen.

Doch wenn man diese Frustmomente von sich weg schiebt und sich die Mühe macht, sich in diese Welt hineinzuarbeiten, dann erzeugt „Kingdom Come: Deliverance“ eine in sich plausible Spielwelt und erzählt spannende Geschichten. Allerdings erfordert das Fingerspitzengefühl und Köpfchen. Und so erinnert das Rollenspiel stärker an ein Adventure, als manchem vielleicht lieb sein dürfte. Die Dialogsequenzen spielen eine dominante Rolle und verschiedene Antwortmöglichkeiten erlauben stets andere Lösungswege. Das wiederum sorgt innerhalb der Quests für Spannung, da ihr nie genau wissen werdet, wie euer Gegenüber reagieren wird oder ob euer Plan aufgeht.

Auf der Suche nach einer Mörderbande etwa muss sich Heinrich mit einem Pfarrer anfreunden, damit dieser ihm gebeichtete Details verrät. Das gelingt aber nur, wenn ihr ordentlich einen mit dem Pater trinken geht. Dazu spielen die Tagesabläufe der NPCs eine entscheidende Rolle. Wer beispielsweise etwas klauen muss, der sollte sich Nachts zum Zielort schleichen und das Diebesgut entwenden. „Kingdom Come: Deliverance“ bietet reichlich Optionen, auch wenn die Auswirkungen zumeist eher lokal und für den Moment gehalten sind. Oftmals geben einem die Figuren mehrere Gelegenheiten die Dialogoptionen auszuprobieren und Sackgassen existieren eigentlich nie.

Mit Charme und Charakter

Inventar- und Charakterarbeit leistet ihr in dem Mittelalter-RPG ebenfalls. Allerdings ist klassisches Loot längst nicht so wichtig wie in anderen Rollenspielen. Vielmehr geht es eher darum, sich mit der Zeit passend auszurüsten und stets einen gewissen Vorrat nicht verderbbarer Lebensmittel mitzuführen. Wer nämlich glaubt, eine gebrate Gänsekeule hält länger als zwei Ingame-Tage, der irrt. Entsprechend erfordern längere Reisen – wahlweise zu Pferd oder per Schnellreise – eine gewisse Planung. Schnellreisen unterbricht das Spiel immer wieder für spontane Ereignisse wie Wanderer, Überfälle oder wichtige Wegpunkte.

Insgesamt überzeugt „Kingdom Come: Deliverance“ mit der Darstellung seiner offenen Spielwelt und lädt gerade im späteren Verlauf zu längeren Entdeckungstouren ein. Ganz egal, ob ihr den reichlich vorhandenen Haupt- und Nebenquests folgt, auf eigene Faust auf die Jagd geht oder euren Heinrich noch weiter ausbaut – die Möglichkeiten sind alle da. Wirklich Spezialisierungen oder Berufe gibt es dagegen nicht. Dafür könnt ihr aber bestimmte Fähigkeiten erlernen und verbessern. Diese wiederum hängen stark von eurer persönlichen Spielweise ab, manche wie etwa „Saufen“ sind eher Staffage.

Trotz der 30-GigaByte-Patches ist das Spiel übrigens nicht fehlerfrei. Im Test laden die Texturen beispielsweise sehr spät nach. Dazu sind die Ladepausen und Schwarzblenden weiterhin sehr häufig und zu lang. NPCs rennen gerne mal in einander oder gehen merkwürdige Wege. Und bei der Navigation in unebenem Gelände solltet ihr immer wieder mit kleineren Problemchen rechnen. Innerhalb der Quests wiederholten sich die Charaktere vereinzelt und die ansonsten erstklassige deutsche Sprachausgabe erweist sich als nicht sonderlich lippensynchron. Kurzum: Zwar ist das Abenteuer über weite Strecke sehr gut und problemlos spielbar, trotzdem muss Warhorse in den kommenden Wochen noch weiter Hand anlegen.

Meinung

„Kingdom Come: Deliverance“ gefällt nicht jedem. Das ist der Preis für die Umsetzung der kreativen Mittelalter-Vision des Entwickler-Teams von Warhorse. So krankt das Spiel etwa an dem verqueren Kampfsystem, der merkwürdigen Speicherfunktion und dem arg gemächlichen Spieltempo. Wer erwartet, sich in wilde Ritterschlachten zu stürzen, der wird enttäuscht. Stattdessen setzt „Kingdom Come: Deliverance“ vermehrt auf Dialoge, Spurensuche und das Ausnutzen der spielerischen Möglichkeiten. Hat man sich mit dem langsamen Spieltempo und den Ecken und Kanten angefreundet, erzeugt das Abenteuer eine nahezu einzigartige Atmosphäre. Doch leider erfordert dieser Weg auch ein wenig Leidens- und Kompromissfähigkeit.

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