Red Dead Redemption 2 im Test: Wild-West-Klassiker oder überschätztes Open-World-Abenteuer?
„Red Dead Redemption 2“ bricht alle Rekorde: Ist Rockstar Games' Western-Epos wirklich der Favorit auf das Spiel des Jahres? Die Redaktion hat „Red Dead Redemption 2“ für euch auf Herz und Nieren getestet.

Wenn Rockstar Games ein Spiel veröffentlicht, dann wartet die ganze Welt darauf. Die „Grand Theft Auto“-Serie ist längst in der Popkultur angekommen, das 2010 veröffentlichte Western-Abenteuer „Red Dead Redemption“ genießt ebenfalls Kultstatus. Kein Wunder, dass die Erwartungen an einen Nachfolger enorm waren.

Und Rockstar Games liefert erneut ab: „Red Dead Redemption 2“ gehört zu den erfolgreichsten Spielen des Jahres und setzte allein in der ersten Woche weltweit mehr als 725 Millionen US-Dollar um. Das Spiel erntete zudem Höchstwertungen und rangiert inzwischen bei Metacritic unter den besten Titeln aller Zeiten. Aber ist dieser Hype auch gerechtfertigt?

Eine Geschichte für lange Winterabende

Es ist das Jahr 1899. Die Ära der Outlaws geht zu Ende. Die Industrialisierung des Wilden Westens nimmt immer konkretere Formen an. Inmitten dieses Umbruchs übernehmt ihr Arthur Morgan, einen Teil von Dutch Van Der Lindes Bande. Nach einigen Rückschlägen muss sich die Gang einen neuen Standort suchen.

Im Gegensatz zu „GTA V“ ist Morgan die einzige Hauptfigur – eine gute Entscheidung. Denn dadurch wirkt die 60- bis 80-stündige Hauptgeschichte umso fokussierter. Im Mittelpunkt steht das Schicksal der Bande und deren Mitglieder. „Red Dead Redemption 2“ gelingt ein kleines Kunststück: Es erzeugt eine Verbundenheit mit nahezu jedem Nebendarsteller und der Gang selbst. Dadurch wirken bestimmte Ereignisse umso schockierender nach.

Arthur Morgan besitzt zwar eine raue Schale, aber verfügt selbst an Ganove noch über so etwas wie Moral. Sehr schön: Ihr trefft nun kontextsensitive Entscheidungen. Ihr wählt also etwa, ob ihr euren Gegenüber nur einschüchtert oder gleich angreift. Diese Momente und euer Verhalten spiegeln sich in der Ehre eurer Spielfigur wider. Sie beeinflusst letztlich auch, wie andere Charaktere im Verlauf auf euch reagieren. Gute Jungs bekommen etwa Rabatt bei Händler, böse dagegen verdienen bei Verbrechen mehr.

Der Westen in der Tasche

Das Setting dient in „Red Dead Redemption 2“ als gewaltige Spielwiese. Nach einem eher gemächlichen Start öffnet sich schließlich die Karte und offenbart Stück für Stück ihre volle Größe. Wichtigstes Transportmittel beim Erforschen ist natürlich euer treues Ross, welches ihr auf Tastendruck herbei ruft. Ganz so brav wie Plötze aus „The Witcher 3: Wild Hunt“ verhält es sich zwar nicht, leistet aber dennoch gute Dienste. Die Wege sind nämlich in „Red Dead Redemption 2“ teils sehr lang. Wollt ihr nicht auf Zwischenlösungen wie Kutsche oder Zug vermeiden, seid ihr oft mehrere Minuten unterwegs.

Dass diese Reisen nicht zu öde werden, ist ein Verdienst von Rockstar’s Open-World-Konzept. Zunächst einmal setzt „Red Dead Redemption 2“ einen neuen Standard in Sachen Grafik. Das Spiel sieht speziell auf Xbox One X und Playstation 4 Pro fantastisch aus. Rockstar nutzt Effekte wie Licht, Schatten oder auch Nebel zur Inszenierung großartiger Momente. Untermalt wird das Ganze von einem stimmungsvollen Soundtrack, sowie englischer Sprachausgabe bei deutschen Bildschirmtexten. Wer nicht wenigstens ein Mal auf einem Hügel stehen bleibt und den Sonnenuntergang beobachtet, hat definitiv kein Herz.

Darüber hinaus wirkt die Spielwelt auch angenehm lebendig. Zum einen bevölkern viele Tiere die Wälder, Berge und Steppen. Für besondere Jagdherausforderungen sorgen legendäre Tiere – ähnlich wie in „Assassin’s Creed Odyssey“. Zufällige Ereignisse und Nebemissionen lockern den Zusammenhang ebenfalls auf und obwohl das Missionsdesign oftmals eher konservativ daher kommt, so sind die Figuren stets interessant genug, um zu unterhalten.

Satte Action, aber mit kleinen Schwächen

„Red Dead Redemption 2“ erweitert sein Charaktersystem: So verfügt Arthur Morgan über verschiedene Kerne für Gesundheit, Ausdauer oder Dead Eye sowie Hunger, Durst und Hitze bzw. Kälte. All diese Elemente dienen einem Gameplay-Zweck und unterfüttern die Spielwelt. Ihr müsst euch also beispielsweise bei längeren Reisen um eure Vorräte und die richtige Kleidung kümmern. Zugleich müsst ihr entscheiden, welche Beute ihr beispielsweise dem Camp der Van-Der-Linde-Gang vermacht und diese so unterstützt.

Wie ihr eure Ziele erreicht und wie ihr euch selbst versorgt, das bleibt stets euch überlassen. „Red Dead Redemption 2“ verzichtet über weite Strecken auf Item-Grinding oder nervige Sammel- oder Pflichtaufgaben. Stattdessen gönnt euch das Spiel alle Freiheiten und geizt vor allem nicht an Möglichkeiten. Wie wäre es etwa mit einer Runde Blackjack in einem der örtlichen Saloons? Ganz perfekt ist das Open-World-Design dann allerdings doch nicht: Gerade Kopfgeldjäger tauchen oftmals wie aus dem Nichts auf.

Und auch die Steuerung ist gewöhnungsbedürftig – passt aber zugleich zu einem wuchtigen Revolverhelden wie Arthur Morgan. Der Gute bewegt sich vergleichsweise schwerfällig. Und während das Deckungssystem noch im offenen Gelände ordentlich funktioniert, so ist die Navigation in Innenräumen mitunter arg fummelig. Gerade das Einsacken von Beute dauert manchmal arg lange und Schusswechsel fühlen sich teils sehr träge an. Hinzu kommen die verschachtelten Menüs. Kurzum: Das Handling ist ähnlich wie in „GTA V“ und benötigt eine gewisse Einarbeitung. Dann nämlich machen gerade die Schusswechsel richtig Laune, was nicht zuletzt an der gelungenen Dead-Eye-Zeitlupenfunktion und dem starken Trefferfeedback.

Fazit

„Red Dead Redemption 2“ ist ein faszinierendes Stück Videospielkunst. Es strotzt vor Tiefe, popkulturellen Anspielungen und Möglichkeiten. Technisch gehört das Abenteuer eindeutig zu den schönsten Spielen dieser Generation und man sieht in jeder Sekunde, wie viel Mühe sich Rockstar Games beim Erschaffen eines eigenen kleinen Universums gegeben hat.

Diese Liebe zum Detail ist aber auch in nahezu allen anderen Teilen des Spiel klar erkennbar: Charaktergestaltung und die Verknüpfung mit zentralen Spielelementen und auch die Lebendigkeit der Welt überzeugen auf ganzer Linie und kreieren eine Atmosphäre, die einen sofort in das Spiel hinein zieht. Kleinere Schwächen – wie etwa die träge Steuerung – bemerkt man irgendwann kaum noch. „Red Dead Redemption 2“ ist ein Pflichttitel und rüttelt das Genre der Open-World-Spiele mächtig durch.

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