Anthem im Test: Warum ihr Biowares Shooter noch nicht kaufen solltet
Launiger Online-Shooter oder Biowares endgültiger Niedergang: Bereits kurz vor dem Start hagelt es Kritik an dem Online-Shooter „Anthem“. Wie gut oder schlecht ist das Spiel also wirklich?
Anthem im Test: Warum ihr Biowares Shooter noch nicht kaufen solltet
Lohnt der Kauf? Wir haben uns "Anthem" angeschaut.

Bioware erarbeitete sich über Jahrzehnte einen erstklassigen Ruf. Das 1998 veröffentlichte Rollenspiel „Baldur‘s Gate“ bildete die Grundlage für eine lange Erfolgsgeschichte. Titel wie „Star Wars: Knights of the Old Republic“, „Mass Effect“ und „Dragon Age“ setzten die Serie weiter fort.

Doch zuletzt bekam die Legende Bioware Risse. Schon das 2017 erschienene „Mass Effect: Andromeda“ floppte und zeigte nicht nur technische, sondern auch erzählerische Schwächen. Seitdem der Online-Shooter „Anthem“ 2014 das erste Mal das Licht der Öffentlichkeit erblickte, kämpft Bioware um Anerkennung. Die treue, aber strenge Community schien gar nicht begeistert von dieser neuen Ära zu sein.

„Anthem“ erscheint am 22. Februar 2019 nach problematischen Beta-Tests für PC, Playstation 4 und Xbox One. Alle Zeichen stehen auf Bioware-Krise oder überrascht „Anthem“ gar mit bis dato unbekannten Qualitäten?

Interessant, aber nicht packend

Die erzählerischen Defizite trägt leider auch der aktuelle Online-Shooter mit sich herum. „Anthem“ spielt in einem inzwischen geradezu klischeehaften Science-Fiction-Szenario. Die Dominion, angeführt von dem Monitor, droht mit der Zerstörung der Bastion.

Wenn ihr als heldenhafter Freelancer nicht den Cataclysm stoppt, geht die Welt unter. Obwohl „Anthem“ mehr auf Erzählelemente setzt als die meisten anderen Loot-Ballereien, mangelt es doch an emotionaler Tiefe und echten Ankerpunkten. Spannende Ideen verlieren sich schnell und die wenigen tollen Augenblicke durch das Gameplay überlagert.

Das so genannte Fort Tarsis dient als Hub-Level. Hier streift ihr umher, besorgt euch neue Aufgaben, kauft bei Händlern ein oder rüstet euren Javelin-Kampfanzug in der Schmiede auf. Ansonsten aber wirken Fort Tarsis und seine Bewohner eher wie Statisten in einer Hochglanzkulisse. Passend dazu haben die Dialogoptionen in den Gesprächen auch nicht wirklich Einfluss auf die Geschichte. Sie bringen zwar nette Begebenheiten und kleinere Boni im Fraktionssystem mit sich, echte Aha-Momente bleiben aus.

Darüber hinaus ist die Benutzerführung nicht optimal: Die Wege in Fort Tarsis sind lang. Das pendeln zwischen Javelin und den Zielpersonen kostet Zeit. Ständige Ladezeiten stören den Spielfluss.

Mehrspieler sind im Vorteil

Nachdem ihr den Javelin besteigt, entlässt euch „Anthem“ in seine offene Spielwelt. Technisch ist das Spiel auf höchstem Niveau: Herrliche Landschaften, exotische Tier-Aliens und sogar wechselnde Wettereffekte erzeugen eine interessante Szenerie. Unterstützt wird das Ganze durch die gelungene Steuerung. Sobald ihr von der Plattform abspringt und den Düsenantrieb einschaltet, fühlt ihr euch wie „Iron-Man“. Die Navigation funktioniert – trotz Überhitzung des Javelin-Anzugs – tadellos und das vertikale Gameplay gehört zu den wichtigsten Alleinstellungsmerkmalen von „Anthem“.

Doch je länger man spielt, desto mehr Schwächen fallen auf. Zunächst macht es Bioware Solisten deutlich schwerer als Multiplayer-Freunden. Im Solo-Modus sammelt ihr weniger Erfahrungspunkte und verzichtet auf Unterstützerfunktionen wie dem Wiederbeleben und dem Kombo-System.

Bei letzterem verbindet ihr verschiedene Elementaraktionen und richtet so mehr Schaden an. Wirft etwa ein Spieler eine Frost-Granate und ein anderer feuert einen Blitz, richtet das als Kombo-Angriff mehr Schaden an. Das System sorgt für Abwechslung und ist gerade für feste Teams eine tolle Zusatzfunktion.

Im Verlauf der 30 Charakterstufen schaltet ihr alle vier Javelin-Anzüge frei und könnt vor den Expeditionen die Ausrüstung wechseln. Der Colossus beispielsweise ist schwer gepanzert und schützt sich gar mit einem Schild. Der Ranger setzt auf konventionelle Waffen wie Raketen- oder Granatwerfer. Grundsätzlich spielen sich die Javelins sehr unterschiedlich und gerade der Storm mit seinen Elementaraktionen ist einfach eine Freude zu spielen. Gelegentliches Durchwechseln lohnt sich also.

Es geht abwärts

Jedoch stolpert auch „Anthem“ über die typischen Probleme eines Loot-Shooters. Das Missionsdesign ist alles andere als abwechslungsreich. Zumeist wehrt ihr nur Wellen immer stärker werdender Gegner ab. Nur gelegentlich müsst ihr beispielsweise Artefakte sammeln oder andere Aufgaben lösen. Die ganz großen Überraschungen bleiben – trotz netter Spezial-Gegner wie Titanen – aus.

Immerhin: „Anthem“ wartet mit einer vergleichsweise großen Vielfalt verschiedener Gegnertypen und Waffen auf. Das täuscht gerade anfangs über die Schwächen im Missionsdesign hinweg.

Im Test der PC-Version kommt es leider immer wieder zu kleineren und größeren Problemen, die auch durch den kürzlich veröffentlichten Day-One-Patch nicht vollends behoben worden. Server-Abbrüche oder auch nicht und zu spät getriggerte Bosse gehören weiterhin zur Tagesordnung. „Anthem“ braucht noch einiges an Feinschliff und das zeigt sich auch in vielen anderen Bereichen des Spiels.

Für einen Loot-Shooter mit Rollenspieleinschlag gibt sich der Shooter nämlich recht zugeknöpft. Die Individualisierungsoptionen lassen abseits der kostenpflichtigen Cosmetics sehr zu wünschen übrig. Beispielsweise können wir zwar neue Waffen mit den passenden Bauplänen und Rohstoffen craften. Aber es gibt keine Visiere, Griffe oder Aufsätze wie etwa in „The Division“.

Auch fehlt das nach der letzten Beta gestrichene Skill-System an allen Ecken und Enden: Zwar besitzen die Waffen und Spezialkomponenten der Javelins Zusatzeigenschaften. Insgesamt wirkt das System aber extrem flach. Das trübt die Langzeitmotivation maßgeblich. „Anthem“ ist viel zu selten wirklich belohnend und stattdessen hangelt ihr euch von einem Einsatz zum anderen.

Wie geht‘s weiter?

„Anthem“ besitzt zwar einen soliden Spielfluss, krankt aber an vielen kleinen und großen Designmacken. Beispielsweise hapert es an einer vernünftigen Schnellreisefunktion und eben an Elementen, die für Langzeitmotivation sorgen. „Anthem“ wirkt immer wieder wie ein Spiel, bei dem lohnenswerte Features zugunsten einen halbwegs funktionierenden Projekts gestrichen wurden.

Das Endgame jenseits der Stufe 30 rankt sich um die drei zusätzlichen Schwierigkeitsgrade und das weitere Aufbessern des eigenen Charakters. Tägliche, wöchentliche und monatliche Aufgaben bescheren euch neue Belohnungen. Festungen – also die „Anthem“-Variante der Dungeons – warten mit knackig schweren Bossen auf und bilden eines der Highlights des Spiels.

Meinung

„Anthem“ hätte noch ein halbes Jahr mehr Entwicklungszeit gut getan. Das grundlegende Gameplay-Gerüst – also die offene Spielwelt, die Steuerung und die Shooter-Elemente – überzeugen.

Biowares Online-Shooter besitzt seinen Reiz und überrascht in den ersten Stunden mit den launigen Schlachten und dem gelungenen Teamplay. Doch je länger ihr spielt, desto mehr Probleme fallen auf: Unzählige Programmfehler stören immer wieder den Ablauf, hinzu kommen die mangelnde Komplexität im Charaktersystem und fehlende Abwechslung beim Missionsdesign.

„Anthem“ nutzt sich schneller ab als andere Shooter und wirkt zudem oftmals noch zu unsauber programmiert. Zwar ist es nicht der befürchtete Totalausfall, aber auch längst kein Spiel, das ihr zum Launch kaufen solltet. Gebt Bioware noch sechs Monate für das Finetuning und steigt dann ein.

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