Far Cry New Dawn im Test: Open-World-Recycling oder lohnenswerter Fanservice?
„Metro: Exodus“, „Apex Legends“, „Anthem“ und „Far Cry: New Dawn“: Das Jahr 2019 strotzt bereits in den ersten Monaten vor Action. Wie schlägt sich Ubisofts Open-World-Shooter und was macht er anders als der Quasi-Vorgänger „Far Cry 5“?

Die Endzeit war nie bunter: 17 Jahre nach der Atomkatastrophe erblüht Hope County in neuem Glanz. Rosafarbene Blumen sprießen aus dem Boden, weiße Hirsche und mutierte Tiere streunen durch die Wälder und die wenigen Überlebenden erbauen aus den Ruinen ein kleines Utopia. Bis zu dem Zeitpunkt als die Highwaymen – angeführt von den Zwillingen Mickey und Lou – alles zerstören und die Macht an sich reißen wollen. Der Krieg um New Eden entbrennt und ihr seid mittendrin!

Alte Welt, neues Bild

Das ab dem 15. Februar 2019 für PC, Playstation 4 und Xbox One erhältliche „Far Cry New Dawn“ nutzt die selbe Map wie das 2018 veröffentlichte „Far Cry 5“. Doch im Gegensatz zu seinem Hillbilly-Vorgänger bringt Ubisoft diesmal deutlich mehr Farbe ins Spiel: Die Welt wirkt bunter, aber längst nicht so überdreht wie zunächst befürchtet. Die Farbtupfer passen sich stimmig dem Gesamtbild an und schaffen so den Eindruck eines neuen „Far Cry“.

Diesen Eindruck erweckt auch das Waffenarsenal. Sobald ihr später eine Werkbank besitzt, bastelt ihr euch selbst Ballermänner zusammen. Die Kanonen erinnern schon fast an „Fallout“ und sind herrlich notdürftig zusammen geklöppelte Knarren mit viel Charme. Gleiches gilt für die Fahrzeuge im „Mad Max“-Stil. Technisch spielt „Far Cry New Dawn“ also oben mit und erschafft einmal mehr eine für Ubisoft-Games geradezu typische Spielwelt.

Prosperity soll wachsen

Denn kaum habt ihr das Intro überstanden, überschwemmt euch „New Dawn“ mit einer Fülle von Aufgaben. Eure Basis Prosperity benötigt Ressourcen, Upgrades und vor allem Spezialisten. Das Aufrüsten des Hauptquartiers ist angesichts des drohenden Angriffs der Highwaymen unumgänglich. Mit Spezialisten wie Kräuterfrau Selene oder Sprengstoffmeister Sharky aktiviert ihr neue Funktionen und Erweiterungen.

Sobald ihr beispielsweise die Sanitätsstation aktiviert habt, steigert ihr etwa auch die Lebensenergie eurer eigenen Spielfigur. Die Story und ihre Charaktere bleiben indes – trotz netter Rückbezüge – zumeist blass und kratzen nur an der Oberfläche des Möglichen.

Die offene Spielwelt strotzt vor Möglichkeiten zum Jagen und Sammeln. So geht ihr beispielsweise an Orten wie Scheinen und Bunkern auf Schatzsuche oder legt euch unterwegs mit den Scavengers oder Highwaymen an. Die so genannten Aasgeier beispielsweise plündern Leichen auf den Straßen. Bringt ihr sie zur Strecke und raubt sie aus, bringt das stets eine Menge Rohstoffe.

Das so genannte Vorteilesystem – also Talente eures Spielcharakters – koppelt „Far Cry New Dawn“ an Herausforderungen und dynamisch eingestreute Missionen. Befreit ihr etwa Verbündete aus den Fängen der Highwaymen – etwa in Geiselnahmen oder bei Gefangenentransporten – erhaltet ihr Vorteilspunkte, mit denen ihr etwa zusätzliche Waffenslots oder Fähigkeiten wie den Kletterhaken oder den Schweißbrenner zum Reparieren von Fahrzeugen freischaltet.

Koop-Ballern in der bunten Apokalypse

Die wichtigste Ressource ist allerdings Ethanol. Mit ihr rüstet ihr nämlich Prosperity auf. Ethanol erhaltet ihr, wenn ihr bestimmte Versorgungstrucks stoppt und zurück in die Basis bringt oder Außenposten einnehmt. Bei letzteren entscheidet ihr danach, was ihr mit der Station anfangt. Behaltet ihr das Lager, nutzt ihr sie etwa für Schnellreisen. Plündert ihr es dagegen und erhaltet so Ethanol, erobern die Highwaymen den Außenposten zurück und fahren schwere Geschütze wie besser gepanzerte Truppen und Scharfschützen auf. Zugleich könnt ihr den Außenposten danach natürlich wieder einnehmen und noch mehr Ethanol erobern.

Die Kämpfe warten – im Vergleich zu „Far Cry 5“ – mit keinerlei nennenswerten Überraschungen auf. Wahlweise seid ihr mit einem Computer-Helfer wie etwa Spürhund Timber oder Kampfmaschine Hurk oder einem Freund im Online-Koop unterwegs. „Far Cry: New Dawn“ setzt weiterhin auf einen Mix aus Stealth und Action. Die Gegner-KI erweist sich dabei auf mittlerer Schwierigkeitsstufe als wechselhaft. Mal erkennen sie einen sofort, mal gar nicht. Fortgeschrittene Taktiken wie Flankieren beherrscht sie erst in den höheren Stufen. Letztlich die Schurken nur in größeren Trupps wirklich gefährlich.

Sehr schade: Eine Funktion zum Aufrüsten oder Umbauen der Waffen fehlt und auch sonst gibt es kleinere Ungereimtheiten im Spielablauf. Warum können wir beispielsweise beim Händler Objekte wie Medikits nicht gegen andere Gegenstände oder Rohstoffe tauschen? Wieso sammeln wir Rohstoffe wie Zahnräder in der Basis und fügen sie so dem Basisvorrat hinzu? Auch die Spielwelt selbst ist noch nicht fehlerfrei: Kurz nach der Eroberung eines Außenpostens etwa tauchte im Test an Ort und Stelle wieder eine inszenierte Geiselnahme auf.

Sehr viel los in Hope County

Überhaupt ist die Welt fast schon überbevölkert und übersät mit Gegnern und Möglichkeiten. Die Reise von einem Punkt zum nächsten ist – trotz Fahrzeugen, Booten und Flugzeugen – ein kompliziertes Unterfangen, da an jeder Ecke entweder jemand auf euch schießt oder eure Hilfe benötigt. Die wichtigste Neuerung stellen zweifellos die Expeditionen dar. Nachdem ihr das Helipad inklusive Pilot Roger freigeschaltet habt, bringt dieser euch zu entlegenen Missionen. Das Ziel: Natürlich noch mehr Rohstoffe.

Die Missionen spielen sich allerdings deutlich anders. Beim ersten Einsatz etwa infiltriert ihr einen Flugzeugträger in Florida und müsst dort einen Koffer stehlen. Das Problem: Nach einiger Zeit schaltet sich dessen GPS-Sensor ein und lockt so riesige Gegnerwellen in die Abflugzone. Die Expeditionen entpuppen sich als sinnvolle Erweiterung und bringen aufgrund ihres geradlinigen Aufbaus Abwechslung ins Spieldesign.

Die ebenfalls integrierten Mikrotransaktionen – etwa zum Kaufen von Vorratspaketen – entpuppen sich als absolut nicht spielentscheidend. Alle Inhalte lassen sich natürlich selbst erspielen. Entsprechend sind die Ingame-Käufe nur etwa für ganz Ungeduldige.

Meinung

Mit „Far Cry New Dawn“ serviert Ubisoft einen schmackhaften Open-World-Happen für zwischendurch. Mit 20+ Spielstunden seid ihr eine ganze Weile beschäftigt, ohne dass euch dabei ein echter Kulturschock überfordert. „New Dawn“ setzt nicht nur an seinen Vorgänger an, sondern wartet auch innerhalb der soliden Kampagne mit etlichen Rückbezügen auf, die Freunde von „Far Cry 5“ bei der Stange halten.

Spielerische Überraschungen sollte niemand erwarten: Kämpfen, erkunden, sammeln, fahren und aufbauen. Das sind die Eckpfeiler des Spiels – garniert mit einer großen Vielzahl an Missionen und Aufträgen. Die Expeditionen reihen sich ebenso gut in die Serie ein wie das frische Setting und der Versuch der Präsentation einer etwas anderen Endzeit. „Far Cry New Dawn“ liefert über weite Strecken mehr von dem, was „Far Cry 5“ bereits zum Publikumsmagneten machte. Und das ist eigentlich ganz gut so!

(*) Bei Links zu Amazon, Media Markt, Saturn und einigen anderen Händlern handelt es sich in der Regel um Affiliate-Links. Bei einem Einkauf erhalten wir eine kleine Provision, mit der wir die kostenlos nutzbare Seite finanzieren können. Ihr habt dabei keine Nachteile.