Sekiro Shadows Die Twice im Test: Die „Dark Souls“-Macher schlagen zurück
Viel mehr als nur ein „Dark Souls“ in Japan: From Softwares „Sekiro: Shadows Die Twice“ begeistert, frustriert und emotionalisiert im Test und setzt sich von seinen großen Brüdern gekonnt ab. Wir verraten, wieso der Hype um „Sekiro“ absolut verdient ist.
Sekiro Shadows Die Twice im Test: Die „Dark Souls“-Macher schlagen zurück
Wir haben uns "Sekiro Shadows Die Twice" angeschaut.

Wenn ein neues Spiel von From Software in die Redaktion flattert, dann ist helle Aufregung angesagt. Denn egal, ob „Dark Souls“ oder „Bloodborne“ – Diese Titel entfachen Emotionen wie nur ganz wenige andere. „Sekiro: Shadows Die Twice“ bildet da keine Ausnahme. Spätestens nachdem uns der erste, größere Gegner mit nur einem Schlag ins Jenseits befördert, wird uns klar: Mit „Sekiro“ ist nicht gut Kirschen essen.

Im Verlauf der 30-stündigen Kampagne wechseln sich Frust und Freude in regelmäßigen Abständen ab. Jeglichen Hauch von Überheblichkeit wischt das Action-Rollenspiel spätestens bei dem nächsten Mini-Boss von unserem Gesicht. Damit sei gesagt: „Sekiro: Shadows Die Twice“ ist – wie schon „Dark Souls“ und „Bloodborne“ – Geschmackssache. Wer aber auf diese Lektion in Sachen Demut steht, der bekommt ein eigenständiges und vor allem anderes Spiel der Marke From Software geboten.

Der einsame Rächer

„Sekiro: Shadows Die Twice“ spielt in einem vergleichsweise realistischen Setting: Nämlich im Sengoku-Japan des 16. Jahrhunderts. Ihr kontrolliert den „einarmigen Wolf“ Sekiro und müsst den noch jungen Herrscher des Reiches retten. Das Spiel erzählt eine klassische Rachegeschichte und dekoriert diese mit Gewalt und überraschend vielen Nebencharakteren. Sekiro ist nämlich kein stummer Held, sondern für From-Software-Verhältnisse geradezu geschwätzig. Er will herausfinden, was mit der Welt um ihn herum passiert ist und spricht daher mit Verwundeten, Überlebenden und anderen Bewohnern des Reiches.

Dieser Story-Fokus tut dem Spiel gut, bedeutet aber längst nicht, dass „Sekiro“ alles erklärt. Das Spiel steckt voller Geheimnisse: Egal, ob es beispielsweise versteckte Gänge irgendwo in Palästen sind oder vielleicht doch nur herrlich nebulöse Gegenstandserklärungen. Auch diesmal zwingt euch From Software also, euch aktiv mit allem auseinander zu setzen und liefert euch nichts auf dem Silbertablett.

Die Sache mit dem Arm

In Sachen Spieldesign bietet der Action-Schleicher insgesamt neun Gebiete, die ihr mit Hilfe kleiner Altäre bereisen könnt. Das System erinnert stark an die Leuchtfeuer aus „Dark Souls“, besitzt aber in Puncto Rollenspieldynamik einen interessanten Twist. In „Sekiro“ gibt es keine klassischen Level-Ups oder Charakterklassen. Gesammelte Erfahrungspunkte investiert ihr in neue Aktionen, werdet dadurch aber nur bedingt stärker.

Upgrades erhaltet ihr beispielsweise durch das Finden von Gebetsperlen, mit deren Hilfe ihr eure Gesundheit dauerhaft erhöht. Sterbt ihr (trotz Extraleben), verliert ihr die Hälfte eurer bis dahin gesammelten Erfahrungspunkte endgültig.

Das Katana bleibt die gesamte Spielzeit über eure Hauptwaffe. Für Abwechslung sorgen Hilfsmittel wie Asche, mit denen ihr Gegner blendet, oder austauschbare Armprothesen. Diese findet ihr im Verlauf und lasst sie anschließend beim Bildhauer montieren. Als erstes bekommt ihr etwa eine Ninjastern-Schleuder für die Distanz, später findet ihr auch eine Axt zum Durchbrechen von Schilden. Allerdings werdet ihr euer Arsenal weit weniger oft durchwechseln wie bei anderen From-Software-Titeln.

Ganz große Kampfkunst

„Sekiro: Shadows Die Twice“ opfert einen Teil der Rollenspielkomplexität für das Setting. Als Shinobi verlasst ihr euch auf List, Tücke und euer Schwert. Klettern, hangeln und schleichen gehören daher zu euren Tugenden. Leises Vorgehen ist oftmals klüger als der direkte Angriff. Die Stealth-Mechanik erinnert an „Assassin’s Creed“: So kraucht ihr durch hohes Gras oder springt von Dächern und Ästen hinab. Per Kletterhaken legt ihr größere Entfernungen zurück und bringt euch auf höhere Ebenen.

Das Gameplay ist also weitaus dreidimensionaler als in „Dark Souls“ und „Bloodborne“. Den Alarmzustand eurer Kontrahenten signalisiert das Spiel übrigens über farbige Dreiecke: Sind diese gelb, sind die Schurken aufgeschreckt. Ein rotes Dreieck steht dagegen für maximalen Alarm. Bogenschützen besitzen eine größere Sichtweite. Bestimmte Wachen läuten sogar Glocken oder schlagen anderweitig an.

Kommt es schließlich zur direkten Konfrontation, präsentiert sich „Sekiro: Shadows Die Twice“ als beinharte Schwertkampfsimulation. Wichtigstes Werkzeug im Gefecht ist die Haltung. Durchbrecht ihr diese – etwa durch Angriffe oder Paraden – könnt ihr euren Widersacher direkt ausschalten. Das bedeutet: Trefft ihr den richtigen Moment für eine Parade, streckt ihr selbst stärkere Gegner mit nur einem Schlag nieder. Ausweichmanöver müsst ihr dagegen nur bei bestimmten Angriffen verwenden – anders als in „Bloodborne.“ Präzision, Timing und flinke Finger sorgen für befriedigende Aktionen und wirklich tolle Kämpfe.

Die Schattenseiten des Shinobi-Lebens

Allerdings hat der Fokus auf dem Schwertkampf auch seine frustigen und nervenaufreibenden Momente. Schon der kleinste Fehler bedeutet in „Sekiro“ einen wahrscheinlichen Tod. Und genau das macht den Reiz des Spiels aus. Gerade Boss-Kämpfe mutieren zum taktischen Roulette-Spiel. Greift ihr im falschen Moment an, bezahlt ihr das teuer. From Software verzichtet diesmal aus turmhohe Ausgeburten, sondern bleibt für die eigenen Verhältnisse recht bodenständig: Riesige Samurai, ein paar Untote und gigantische Tiere gehören hier zu euren Kontrahenten.

Angesichts des hohen Schwierigkeitsgrades gibt es aber noch ein wenig Verbesserungspotenzial: Wechsel in Innenräume sorgen immer wieder für Kameraprobleme und die Crowd-Control – also Massengefechte – fühlen sich aufgrund der starren Zielerfassung sehr unpassend an. Auch hier ist Taktik gefordert: Wir bevorzugten im Test, größere Gegneransammlungen Stück für Stück auszudünnen.

„Sekiro: Shadows Die Twice“ führt einen knappen Tanz zwischen Ärger und Spielspaß auf, trifft die Balance aber zumeist nahezu perfekt. Die Lernkurve entpuppt sich als extrem steil und scheitern wir ein ums andere Mal, ist das zumeist unsere eigene Schuld.

Fazit

„Sekiro: Shadows Die Twice“ prügelt uns Taktiken, die wir in „Dark Souls“ oder „Bloodborne“ verinnerlicht haben, rasend schnell aus dem Hirn. From Software gelingt es, dem Shinobi-Abenteuer trotz vielen Parallelen zu früheren Titeln, eine eigene Identität zu verpassen. Das liegt nicht nur an dem faszinierend umgesetzten Szenario, sondern auch an dem einmaligen Gameplay. In keinem Spiel zuvor fühlten wir uns wie ein derart mächtiger Shinobi, schlichen so gekonnte in den Schatten und schwangen so behände das Katana.

Natürlich bestraft „Sekiro“ Unachtsamkeiten gnadenlos. Wer nicht gut genug ist, der bezahlt den eigenen Lernprozess gnadenlos: Wir beispielsweise hingen fast eine Stunde an einem Piken-General im ersten Drittel des Spiels fest. Doch das ist genau das, was „Sekiro“ ausmacht. In Verbindung mit der soliden Stealth-Mechanik und dem vertikaleren Gameplay ergibt sich eine ganz eigene Erfolgsformel. Kurzum: „Sekiro: Shadows Die Twice“ ist ein paradoxes Spielerlebnis. Überraschend anders und zugleich genau das, was wir uns von From Software erwartet haben. Absolute Empfehlung!

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