Nach Anschlag in Halle: Bundesinnenminister möchte die Gamerszene beobachten und erntet Kritik
Sie ist wieder da, die Killerspiel-Debatte: Nach dem antisemitischen und rassistischen Terroranschlag von Halle möchte der Bundesinnenminister die "Gamerszene stärker in den Blick nehmen".
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Der Amoklauf von Winnenden löste vor neun Jahren einmal mehr eine recht umfangreiche Killerspiel-Debatte aus. „Der schädliche Einfluss auf die Entwicklung eines psychisch labilen Kindes oder Jugendlichen durch langanhaltenden Konsum solcher Killerspiele steht für mich außer Frage“, betonte beispielsweise Heini Schmitt, der damalige hessische Landesvorsitzende der Polizeigewerkschaft.

Zahlreiche Politiker sorgten für vergleichbare Statements, die darauf abzielen sollten, Videospielen eine Mitschuld an Gewalttaten zu geben. Der Versuch scheiterte und Videospiele verschwanden nach einer Weile aus der Schusslinie. Dort sollten sie nicht bleiben. Denn nach dem rechtsextremistischen Terroranschlag in Halle, dem zwei Menschen zum Opfer fielen, dauerte es nicht lange, bis die ersten Politiker und Medienvertreter das alte Thema wieder aufgriffen.

Seehofer möchte die Gamerszene in den Blick nehmen

Der Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sorgte in der vergangenen Woche für eine Aussage, die bei vielen Leuten für pure Unverständnis sorgte. „Das Problem ist sehr hoch. Viele von den Tätern oder den potenziellen Tätern kommen aus der Gamerszene“, so seine Worte gegenüber der ARD. Damit bezog er sich auf den Attentäter von Halle, der offenbar als Gamer aktiv war.

„Manche nehmen sich Simulationen geradezu zum Vorbild“, so seine weiteren Worte. „Man muss genau hinschauen, ob es noch ein Computerspiel ist, eine Simulation oder eine verdeckte Planung für einen Anschlag. Und deshalb müssen wir die Gamerszene stärker in den Blick nehmen.“

Später relativierte er seine Aussage ein wenig und sprach davon, dass die Gamerszene gewissermaßen infiltriert werde: „Wir sehen, dass Rechtsextremisten das Internet und auch Gaming-Plattformen als Bühne für ihre rechtswidrigen Inhalte missbrauchen“, so Seehofer am Sonntag auf Twitter.

Mit dieser Meinung ist Seehofer nicht allein. Die bayrische Grünenpolitikerin Katharina Schulze betonte auf Twitter: „Das Problem heißt Rechtsextremismus, nicht Gaming“, bevor die folgenden Worte folgten: „Wer sich jedoch systematisch mit dem Kampf gegen Rechtsextremismus auseinandersetzt, kann vor Radikalisierungstendenzen und Frauenverachtung in speziellen Räumen der Gamerszene nicht die Augen verschließen.“

Die Journalistin Sophie Paßmann verwies darauf, dass es „Rassismus, Rechtsradikalismus und vor allem Frauenfeindlichkeit“ auf bestimmten Spieleplattformen und in Onlineforen gebe.

Auch Thüringens Verfassungsschutzchef Stephan Kramer möchte die Gamerszene offenbar ins Visier nehmen. Teile davon nannte er als Plattform für Rechtsextremisten, „um sich zu vernetzen und um sich gegenseitig in ihrem Hass zu bestärken, zu messen und zu motivieren. Alles vom Sofa zu Hause aus“. Und weiter: „Hier entsteht für den entsprechenden Personenkreis, durch die Mischung von Hass, Gewalt, Maskulinität und Sexualität, ein Treibhaus zur Befriedigung und weiteren Radikalisierung.“

Der Bundesverband Game meldet sich zu Wort

Doch es gibt Gegenstimmen, beispielsweise von Felix Falk, Geschäftsführer des Game: „Die Games-Community unter einen Generalverdacht zu stellen, zeugt vor allem von Unkenntnis und Hilflosigkeit und lenkt von den wirklichen gesellschaftlichen und politischen Ursachen für solche Taten ab. Games sind längst zu einem festen Bestandteil des Alltags Millionen Deutscher geworden, fast jeder zweite hierzulande spielt.“

In seinem weiteren Statement verwies er auf Filme und Bücher, die ebenfalls nicht für Hass und Gewalt verantwortlich gemacht werden können. Stattdessen habe Deutschland ein beängstigendes Problem mit Rechtsextremismus. „Der Bundesinnenminister sollte nicht hilflos einem Medium und dessen Community die Schuld geben, sondern aktiv die gesellschaftlichen Probleme der Radikalisierung und zunehmenden Fremdenfeindlichkeit angehen, die zu solchen furchtbaren Taten wie in Halle führen“, so Falk.

Der Comedian Shahak Shapira veröffentlichte auf Twitter wiederum eine Fotomontage, die Adolf Hitler mit einer VR-Brille zeigt. Begleitet wird das Foto von den Worten: „Auch dieser junge Mann hat sich in der Gamerszene radikalisiert.“

+++ Killerspiele: Schluss mit der Stigmatisierung von Videospielen, fordert der GAME Bundesverband +++

Ebenfalls auf Twitter meldete sich der Autor Mario Sixtus zu Wort: „Wenn ausgerechnet dieser Innenminister den Fokus auf die Gamerszene lenken will, ist es mindestens naheliegend, anzunehmen, er tut das, um die Rechtsextremen auf der Straße und in den Salons weiterhin genauso totschweigen zu können wie bisher.“

„Die Neunzigerjahre haben angerufen und wollen ihre Killerspiel-Debatte zurück. Ernsthaft: Digitaler Rechtsextremismus ist ein riesen Problem“, so wiederum der FDP-Innenpolitiker Konstantin Kuhle.

Manipulative Berichterstattung

Befeuert wird die neue Videospieldebatte nicht zuletzt von manipulativen Medienberichten. So hatte das ZDF die Nachrichtenbilder aus Halle auf den bekannten Twitch-Kanal von „DreamHackCS“ montiert und damit suggeriert, dass der Anschlag auf diesem Kanal übertragen wurde.

Die Redaktion sorgte nach Kritik für eine Entschuldigung: „In einem Bericht über den Terrorangriff in Halle haben wir Bilder des Attentäters auf die des Twitch-Kanals von DreamHack montiert. Wir bedauern, dass so der Eindruck entstanden sein kann, der Livestream des Anschlags in Halle sei dort gelaufen. Dies war nicht der Fall. Deshalb haben wir das Video gelöscht.“

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